Herr Kollege: Tomas Avenarius, Süddeutsche Zeitung, Cairo/Teheran
Tomas, Du bist soeben im besetzten Westjordanland und in Israel unterwegs gewesen. Was hat Dich dieses Mal von Kairo nach Israel und Palästina gebracht?
Die Reise hatte mehrere Ziele: Das aktuelle Thema war die anhaltende politische Spaltung der Palästinenser: Gibt es Anzeichen einer Aussöhnung zwischen der Fatah von Palästinenserpräsident Machmud Abbas und der islamistischen Hamas. Oder vertieft sich die seit einem Jahr auch territoriale Spaltung zwischen den Machthabern im Westjordanland und denen im Gaza-Streifen? Zu welcher Partei tendiert die Bevölkerung, wer hat mehr Rückhalt?
Und?
Ich persönlich glaube nach Gesprächen und Interviews mit zahlreichen Menschen, dass die Sympathie für Hamas trotz aller Kritik am rücksichtslos-brutalen Vorgehen im Sommer 2007 immer noch größer ist, als offen eingeräumt wird. Fatah hingegen schafft es bis heute nicht, den Stempel der korrupten und abgewirtschafteten Partei loszuwerden. Das hat ihr schon bei den Parlamentswahlen 2006 schwer geschadet. Fatah kann sich ihrer Macht nicht wirklich sicher sein.
Das heisst, auch Palästinenser-Präsident Abbas, dessen Amtszeit im Januar eigentlich formell ausläuft, ist ein Auslaufmodell.
Das Image von Präsident Abbas ist ernüchternd: Die meisten sehen ihn als eine schwache Figur, die in den Verhandlungen nichts erreicht hat und sich von Israel benutzen lässt. Seit dem Tod von Arafat ist die Fatah in einer Führungs- und Identitätskrise. Einer Machtübernahme der Hamas steht aber als wichtiger Faktor die israelische Armee gegenüber. Sie kontrolliert die Westbank vollständig und würde der Fatah vermutlich zur Seite stehen. Das unterscheidet die Situation im Westjordanland von der Lage im Gazastreifen 2006 und 2007.
Einer der Vermittler im innerpalästinensischen Konflikt, wenngleich ziemlich erfolglos, ist Ägypten - wie lange eigentlich noch?
Ägypten hat sich, wie auch Jemen und Saudi-Arabien, immer wieder als Vermittler versucht. Bisher erfolglos. Ägypten hat aber ein Problem: durch seine Grenze zum Gaza-Streifen ist alles, was dort geschieht, automatisch innerägyptische Politik. Der Fall der Grenzmauer im letzten Januar hat gezeigt, welchen Einfluss Gaza auf die Lage in Ägypten nehmen kann: die Regierung in Kairo hat Tage gebraucht, die chaotische Lage unter Kontrolle zu bringen und die hunderttausenden über die Grenze gehenden Gaza-Palästinenser wieder zurück zu drängen.
Und die Ägypter, die Menschen auf der Strasse: Sehen die die Palästinenser ebenfalls primär als eine potentielle Bedrohung?
Die ägyptische Bevölkerung zeigt noch immer Anteilnahme am Schicksal der Palästinenser: Härte gegenüber der Hamas ist daher eine Gratwanderung für Kairos Machthaber. Zudem ist Hamas ein Ableger der in Ägypteneinflussreichen islamisten-Gruppe der Muslimbrüder: Auch hier wird der Umgang mit Hamas zum Teil der ägyptischen Innenpolitik.
Du sprichst die in Aegypten gegründete Muslimbruderschaft an...
Ja. Denn es ist klar, dass Ägypten einen Machtzuwachs der Hamas fürchtet und zu verhindern sucht: Die palästinensische Parlamentswahl 2006 ist das erste Mal, dass radikale Islamisten die Macht mit demokratischen Mitteln übernehmen und regierungsfähige Mehrheiten stellen konnten. Angesichts der Stärke der ägyptischen Muslimbrüder besorgt dies die Machthaber in Kairo. Kurz: Ägypten ist – zumindest in den Augen der Hamas – kein wirklich unparteiischer Makler. Das macht jede Mediation zwischen Fatah und Hamas für Kairo zusätzlich schwierig.
A propos Ägypten: was wird eigentlich geschehen im bevölkerungsreichsten arabischen Land, wenn der Pharao, der 81jähige Präsident Mubarak, einmal nicht mehr sein wird?
Ägypten ist ein erstarrt wirkendes Land nach 25 Jahren Mubarak-Herrschaft. Der Präsident hat es geschafft, sein Land für ein Vierteljahrhundert aus den im Nahen Osten fast schon regelmäßigen Kriegen und Konflikten herauszuhalten. Das wird anerkannt.
Aber...
....aber innenpolitisch hat er den Kredit weitgehend verloren: Es gibt trotz phantastischen Wirtschafstwachstums von sieben Prozent in den letzten Jahren keine soziale Entwicklung: Die Reichen bereichern sich unverhohlen, der Mittelstand verschwindet. die Massen bleiben arm, ungebildet, chancenlos. Die Opposition wird rücksichtslos unterdrückt: Seien es die Islamisten der Muslimbrüderschaft oder halbwegs demokratisch orientierte Figuren wie der nach seiner Präsidentschaftskandidatur inhaftierte Ayman Nur. Folter ist Alltag in Ägyptens Gefängnissen, aber bestraft werden die Täter selten.
Damit sind kaum Alternativen in Sicht.
Nein. Denn hinzu kommt eine zur Landeskultur verkommene und allumfassende Korruption: Nichts geht mehr ohne Schmiergeld im Land. Die Politik, die Polizei und die Verwaltung stehen dabei in der vordersten Linie deren, die ungeniert und unverhohlen die Hand aufhalten. Dass Mubarak nun angeblich auch noch seinen Sohn Gamal als Nachfolger auserkoren haben soll und so die Macht nach Form einer Präsidial-Monarchie vererben will, erbost weite Teile de Bevölkerung. Und das ungeachtet dessen, dass profilierte Alternativen nicht erkennbar sind: die permanente Unterdrückung jeder Opposition verhindert die Ausbildung funktionierender Parteien mit populären Führern.
In der arabischen Welt, aus der Du berichtest, scheint die Ungeduld bezüglich der palästinensischen Spaltung zu wachsen, oder täuscht dieser Eindruck?
Viele Menschen in der arabischen Welt glauben nicht mehr an einem Friedensprozess: Madrid, Oslo, die Roadmap, jetzt Annapolis: all das sind Stichworte für sich über Monate und Jahre hinziehende israelisch-arabische Verhandlungen. Fakt ist, dass trotz all dieser Verhandlungen ein palästinensischer Staat weiterhin auf sich warten lässt. Das fördert Frustration.
...woran auch Israels Politik des stetigen Schaffens von Fakten vor Ort seinen Teil beiträgt.
Israel baut seine Siedlungen aus – seit Beginn des „Annapolis-Prozesses“ schneller und unverhohlener denn je. Die Mauer wird gebaut und dient ebenso wie der Sicherheit der Israelis offensichtlich auch der Landnahme in der Westbank.
All das wird in der arabischen Welt klar gesehen: Das Schicksal der Palästinenser ist trotz aller Worthülsen der arabischen Regierungen für die Menschen auf der Straße ein Thema, an dem sie Anteil nehmen. Die offene Palästina-Frage und die Politik Israels bleiben, entgegen den Behauptungen westlicher Regierungen, zumindest in den Augen der arabischen Bevölkerung, das Kernproblem des Nahen Ostens.
Also ein Kalter Frieden mit Ägypten und Jordanien, und eine Verhärtung bei vielen arabischen Menschen.
An der gewaltigen Sympathie für die libanesische Hisbollah in allen arabischen Staaten zeigt sich, welchen Zuspruch „Widerstand“ gegen Israel bis heute hat. Nicht umsonst spricht auch die Hisbollah längst nicht mehr nur von der „Befreiung“ israelisch besetzter Gebiete im Libanon. Auch die Hisbollah schreibt sich inzwischen - zumindest als Propagandaformel - die „Befreiung Jerusalems“ auf die Fahne. Auch Iran tut dies immer öfter. Dies zeigt, welche Bindewirkung die Palästinafrage in der arabischen und islamischen Welt bis heute entwickelt. Eine faire Friedenslösung für die Palästinenser von Seiten Israels würde dem entgegenwirken.
In Israel ist und bleibt das alles dominierende Thema der Iran - auch nach dem Abgang von Premier Olmert und dem Aufstieg von Tzipi Livni zur Kadima-Vorsitzenden. Du bereist den Iran regelmässig: wie beurteilst Du den vorderhand bloss rhetorisch, aber dennoch auf heftigste ausgetragene Konflikt zwischen Israel und dem Iran?
Für Israel stellt die Möglichkeit eines atomar bewaffneten Iran eine ernst zu nehmende Bedrohung dar. Nicht nur wegen der offenbar vor allem auf ein iranisches und ein gesamt-islamisches Publikum zielenden und wiederholten Drohung mit der Vernichtung des Landes. Das muss Israel ernst nehmen – auch wenn ein solcher Schritt kaum vorstellbar ist.
Weshalb dann?
Vor allem würde ein nuklear bewaffneter Iran das gesamte Kräftegleichgewicht im Nahen Osten verändern: Israel verlöre seine militär-strategisch einmalige Rolle als einziger Atommacht der Region. Auch das muss Israel aus seiner Sicht ernst nehmen.
Was bezweckt denn "der Iran" mit seinem Atom-Programm – wenn nicht die Vernichtung Israels?
Die Führung der Islamischen Republik hat erkennbar mehrere Ziele: Sie will Iran nach dem Fall des Saddam-Regimes als die alles dominierende Regionalmacht am Persischen Golf etablieren. Die Größe des Landes, seine hohe Bevölkerungszahl, seine zahlenmäßig starke Armee und dazu noch Atomwaffen – Iran wäre ein Staat von unübersehbarer Bedeutung in der strategischen Ölregion. Als schiitische Nation – und damit als Vertreter einer oft marginalisierten und unterdrückten religiösen Minderheit in der weiteren islamischen Welt – wäre Iran automatisch eine Führungsmacht in der islamischen und sogar der arabischen Welt. Und das, obwohl Iran ein nicht-arabisches Land ist. Vor allem aber sieht sich Iran auch .ein Vierteljahrhundert nach der Khomeni-Revolution noch immer bedroht von Regime-Change-Planspielen der USA: Die Atomwaffe würde das Mullah-Regime davor wahrscheinlich schützen wie dies im Beton-stalinistischen Nordkorea der Fall ist. Zum dritten hat Iran mit Pakistan einen nuklear bewaffneten und instabilen Nachbarstaat, zu dem das Verhältnis nicht immer einfach ist. Auch hier könnte die Idee der Abschreckung durch eine iranische Bombe eine politische Rolle spielen.
Ist die Militär-Option vom Tisch, nachdem die USA öffentlich Israel davon "abgeraten" hat?
Meine Erachtens: Nein. Selbst die Internationale Atomenergieorganisation IAEO, die lange Zeit sehr zurückhaltend war in ihrer Einschätzung eines angeblichen geheimen Militär-Programms der iranischen Atomforscher ist nun offen kritisch. Sie spricht von Besorgnis erregende Indizien für den Versuch, die Bombe zu bauen. Das auf Verzögerung und Zeitgewinn setzende Vorgehen der Iraner am Verhandlungstisch mit der IAEO und den europäischen Vermittlern lässt sich auch ohne jedes anti-iranisches Sentiment so verstehen, dass die Entwicklung von Atomwaffen zumindest eine Option ist.
Die anderen Optionen?
Erkennbar will man in Teheran alle technischen Voraussetzungen – und damit Fakten- schaffen und dann entscheiden, welchen Weg man am Ende geht: Mit oder ohne Nuklearwaffen. Vor diesem Hinterrund ist es mehr als wahrscheinlich, dass Israel ernsthaft die Möglichkeit einer Attacke erwägt. Auch die abwiegelnde Haltung der USA gegenüber einem Luftangriff muss nicht das letzte Wort gewesen sein: Angesichts der schwachen Wirkung, die alle Sanktionsdrohungen bisher auf Irans Führung zu haben scheinen, könnten sich die Hardliner in den USA wieder durchsetzen.
Und was dürfte schlussendlich den Ausschlag geben für oder gegen eine grossangelegte Bombardierung iranischer Ziele?
Am Ende ist es eine Interessensabwägung: Die Folgen einer israelischen oder amerikanischen Attacke auf Iran wären von der Lage im Irak bis hin zum Anstieg des Ölpreises katastrophal. Auf der anderen Seite dürfte es erhebliche politische Zugeständnisse der USA, Israels, Europas und der arabischen Welt und ein ganz neues politisches Koordinatensystem im Nahen und Mittleren Osten erfordern, wenn Iran wirklich Atommacht würde. Das macht die Lage so gefährlich.
Tomas, Du deckst für einen der prestigeträchtigsten Titel der deutschsprachigen Presse den Nahen und Mittleren Osten ab: wie gross ist denn das Interesse Deiner Redaktion an dieser Gegend?
Nach wie vor groß. Wobei Kriege, Krisen und Selbstmordattentate vielleicht mehr Raum einnehmen als sie verdienen. Auch die „Klassiker“ wie die Kopftuchfrage“ oder die an Körperstrafen festhaltende islamische Gesetzgebung werden sehr oft abgefragt. Der Alltag in der islamischen und arabischen Welt hingegen kommt zu kurz. Dabei ist es das, was die Leser wahrscheinlich am meisten interessiert.
Werden wir Korrespondenten denn unter diesen Vorgaben der Redaktionen unserer Aufgabe der Informationsvermittlung noch gerecht?
Für meinen Geschmack sind die deutschen Blätter im Nahen Osten vor zwanzig Jahren stehen geblieben. Viele Zeitungen, auch die Süddeutsche Zeitung , haben weiter einen Korrespondenten in Israel und einen für die gesamte arabische Welt. Die arabische Welt ist aber heute nicht mehr so homogen wie noch vor zwei oder drei Jahrzehnten, als „in Kairo das Herz der arabischen Welt schlug“, wie es früher hieß. Heute hat die arabische Welt mehrere Zentren: Noch immer Kairo, aber auch Dubai, Bagdad, wieder Beirut und natürlich den weitgehend unbeachteten Maghreb in Nordafrika.
Also: Mehr Korrespondenten in die arabische Welt - und nicht nur nach Berlin, in die USA oder nach Brüssel!
Tomas, was wird Dich in den nächsten Wochen journalistisch beschäftigen?
Ich werde Mitte der Woche voraussichtlich in den Iran fahren.


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Aufgenommen: Jun 08, 20:38
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Aufgenommen: Jun 08, 20:53